Zwischen Aneignung und Anerkennung: Über Konversionen zum Judentum im postnationalsozialistischen Deutschland

Wir wünschten, wir könnten sagen: Konversion zum Judentum? Kein Thema für uns. Jede Person soll doch tun, was sie will. Aber wir leben in Deutschland. Und hier lässt uns das Thema Giur nicht kalt – weil es um viel mehr geht als um individuelle Religionsentscheidungen. Und das nicht nur, weil das Judentum zugleich Religion und Ethnie ist.

Konversion ist im Judentum grundsätzlich anerkannt. Wer sich bewusst und ernsthaft auf den Weg des Giur begibt, wird in der jüdischen Tradition als vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft betrachtet. Die Figur Ruth, eine konvertierte Frau in der jüdischen Überlieferung, ist ein Beispiel und Vorbild dafür. Auch wir möchten klarstellen: Unser Anliegen ist nicht, Konversion per se infrage zu stellen oder Konvertit*innen pauschal zu delegitimieren.

Und dennoch stellen sich uns spezifisch in der deutschen Nachkriegsgesellschaft Fragen, die wir nicht ignorieren können. Fragen, die weniger mit der jüdischen Haltung zur Konversion zu tun haben – sondern mit dem politischen und historischen Kontext, in dem sie hier stattfindet.

Der Giur ist ein Thema, zu dem von jüdischer Seite lieber nichts Kritisches gesagt wird – mensch will die Legitimität neuer Mitglieder nicht infrage stellen. 

Das ist nachvollziehbar, wenn mensch beobachtet, mit wie viel Leidenschaft insbesondere wc-deutsche in der Öffentlichkeit verhandeln, wen sie für „richtig jüdisch“ halten und wen nicht. Diesen anmaßenden und übergriffigen Diskussionen will mensch kein zusätzliches Futter geben. 

Wir glauben trotzdem, dass es notwendig ist, auf sinnvolle Weise über dieses Thema zu sprechen.

Drei (problematische) Szenarien

Wir sehen drei sich überlappende Szenarien, in denen Konversion von weiß-christlich-deutsch sozialisierten Menschen (wc-deutsch) bei uns starke Irritation, manchmal auch Wut auslöst:

  1. Der Giur als Flucht aus einer Täter*innen-Familiengeschichte und als Instrument zur Schuldentlastung
  1. Wc-deutsche Konvertit*innen, die Ämter und Positionen bekleiden, die ihnen besonderen Einfluss und Sichtbarkeit in jüdischen oder öffentlichkeitswirksamen Kontexten ermöglichen
  1. Der sogenannte „säkulare Giur“ von wc-Deutschen, bei dem jüdisch-Sein weniger als religiöse Zugehörigkeit, sondern eher als kulturell-ethnische Identität übernommen wird.

Schuld ablegen durch Seitenwechsel?

In den Jahrzehnten nach der Shoa konvertierten in Deutschland überdurchschnittlich viele Menschen zum Judentum. Teilweise mag das spirituell motiviert gewesen sein. Gleichzeitig lässt sich der Kontext nicht ignorieren: Für manche wc-Deutsche war der Giur ein (symbolischer) Ausweg aus der Last familiärer oder kollektiver Schuld. Die Zugehörigkeit zur „Opfergruppe“ versprach moralische Entlastung – ohne sich tiefer mit der eigenen Geschichte auseinandersetzen zu müssen.

Dabei ist die Shoa – für viele jüdische Menschen – kein symbolischer Kontext, sondern konkrete biografische Realität. Tatsächlich funktionieren die Shoa-Narrative in der deutschen Gesellschaft aber oft nicht als Erinnerung, sondern als Entlastungsritual: Die Täter*innenschaft wird externalisiert à la „MEIN Opa war kein Nazi“, während Jüdinnen_Juden auf passive Opferrollen reduziert werden – oder gleich ganz zu Projektionen einer angeblich besseren, moralisch „gereinigten“ deutschen Gegenwart gemacht werden.Nach dieser (fiktiven) Vorstellung stehen Jüdinnen_Juden „den Deutschen“ niemals anklagend oder wütend gegenüber, sondern stets versöhnlich und dankbar – dankbar dafür, heute in einem Deutschland zu leben, das sie angeblich so vorbildlich vor Antisemitismus schützt. Die bloße Anwesenheit jüdischer Menschen in Deutschland wirkt so als Beweis dafür, dass die Deutschen die Vergangenheit überwunden haben und moralisch geläutert sind.

Dass sich in diesem Kontext Menschen durch Konversion ins Judentum „moralisch umverorten“ wollen, mag psychologisch nachvollziehbar sein – bleibt aber problematisch. Wir meinen: Wer in Deutschland konvertieren möchte, sollte sich zwingend mit der eigenen familiären und gesellschaftlichen Verstrickung in die Geschichte des Antisemitismus und der Shoa auseinandersetzen.

Diese Auseinandersetzung ist für die Dominanzgesellschaft nicht zwingend notwendig, weil sie systemisch nicht eingefordert wird. Während jüdische Menschen in Deutschland durch ihre bloße Existenz im postnationalsozialistischen Deutschland immer wieder mit Erinnerung und der eigenen Positionierung konfrontiert werden, können wc-Deutsche problemlos verdrängen und sich eine bequeme Variante der Erinnerung leisten.

Fehlende Reflexion wc-deutscher Privilegien – nach dem Giur

In vielen Debatten über Antisemitismus, jüdisches Leben oder interreligiösen Dialog sprechen ex-wc-deutsche Konvertit*innen für „das Judentum“. Sie schreiben Bücher, werden in Talk-Shows oder für Panels eingeladen, übernehmen Funktionen in Gemeinden, halten Reden am 9. November.

Nach dem Giur nehmen nicht wenige Konvertit*innen zentrale Positionen ein – in jüdischen Institutionen, in öffentlichen Diskursen, in der politischen Repräsentation. Das geschieht nicht immer aus bewusster Absicht, aber es wirkt trotzdem. Sie nehmen Raum ein, der anderen dadurch nicht mehr zur Verfügung steht. 

Denn Konvertit*innen mit wc-deutscher Sozialisierung haben häufig einen strukturellen Vorteil: Sie kennen die kulturellen Codes, haben Zugänge, bewegen sich sicher in deutschen Medien und Institutionen. Sie bedienen eben die Erzählungen, die die Mehrheitsgesellschaft über ihr Verhältnis zu Jüdinnen_Juden gewohnt ist und im Rahmen des Gedächtnistheaters hören will. Sie werden als „vermittelbare“ jüdische Stimmen wahrgenommen – und entsprechend platziert. 

Gleichzeitig erleben viele jüdische Menschen in Deutschland, besonders solche mit postmigrantischem und/oder nicht-weißem Hintergrund, genau das Gegenteil: Nicht-mitgedacht-zu-werden, erschwerten Zugang zu Ressourcen, begrenzte Anerkennung. Das Problem liegt also nicht bei den Einzelpersonen – sondern in den strukturellen Bevorzugungen, die nachwirken, auch nach dem Giur.

Was passiert, wenn wc-deutsche Konvertit:innen beginnen, zu definieren, was und wer jüdisch ist? Wenn sie darüber entscheiden, wer „genug“ Jüdin oder Jude ist? Wenn Nachkommen von Täter*innen bestimmen, ob die Enkelkinder von Opfern „richtig“ jüdisch sind – oder noch „konvertieren müssen“? 

Was ist, wenn Menschen, deren Großeltern Teil des NS-Systems waren, heute als Jüdinnen_Juden auftreten – während gleichzeitig jüdische Menschen, z.B. Vaterjüd*innen, weiterhin um Anerkennung kämpfen müssen? Viele Menschen in Deutschland stammen aus jüdischen Familien, verfügen aber über wenig religiöses Wissen. Gerade Jüdinnen_Juden aus dem postsowjetischen Raum fehlt aufgrund antisemitischer Repressionen in diesen Ländern oft der Zugang zu jüdischer Tradition. Es schmerzt, wenn diese Personen plötzlich Konvertit*innen gegenüberstehen, die sich als „Expert*innen“ inszenieren – und ihnen erklären, was Judentum wirklich ist.

Dieses Machtverhältnis ist nicht neutral – es ist durch die deutsche Geschichte aufgeladen.

Und: Konvertit*innen, die nicht aus jüdischen Familien stammen, tragen in der Regel nicht das transgenerationale Trauma von Verfolgung, Verlust, Shoa, Exil und Schweigen in sich, das in vielen jüdischen Biografien in Deutschland bis heute nachwirkt.

Diese Abwesenheit von traumatischer Vererbung – von Erzählabbrüchen, Angstnarrativen, emotionalem Schweigen oder Übersensibilisierung – ist ein tiefgreifendes Privileg.

Auch hier geht es nicht um individuelle Schuld, sondern um strukturelle Unterschiede in Erfahrung, Prägung und Resonanz. Und wenn diese Unterschiede nicht benannt werden dürfen, wird das Machtgefälle weiter verfestigt.

Säkularer Giur – Konversion ohne Glaube?

Besonders verstörend ist das Phänomen des säkularen Giur – also der Konversion zum Judentum ohne Bezug zur Religion. Statt sich einer religiösen Gemeinschaft anzuschließen, geht es hier offenbar um Zugehörigkeit zu einer kulturellen oder gar ethnischen Identität. Das fühlt sich – gerade im deutschen Kontext – wie kulturelle Aneignung an. Es wird marginalisierte Erfahrung übernommen – ohne die strukturellen Diskriminierungen, ohne das historische Gedächtnis, ohne die Traumata mitzutragen.

Unsere Forderung

Wir fordern keine exklusiven Zugehörigkeitsrechte. Aber wir fordern Bewusstsein für Machtverhältnisse, für Geschichte, für Verantwortung.

Wer in Deutschland heute zum Judentum konvertiert, bewegt sich nicht im luftleeren Raum. Der Giur ist hier niemals rein spirituell. Er steht immer im Schatten der Shoa – und im Licht einer postnazistischen Gesellschaft, die bis heute nicht gelernt hat, mit ihrer Täter*innenschaft umzugehen.

Konversion ist möglich. Konversion ist legitim. Aber sie braucht – gerade hier – mehr als einen formalen Prozess. Sie braucht Reflexion, Rückbindung und Respekt. Und manchmal auch: das Wissen, wann es besser ist, nicht im Namen anderer zu sprechen.